Fährkapitän Andreas Waibel schifft Insulaner, Urlauber und Waren nach Spiekeroog – und auch wieder zurück.

Von den Weltmeeren ins Watt

Eine halbe Stunde noch bis zur Abfahrt, der Papierkram ist bereits erledigt, da reicht die Zeit noch locker für einen Pott Kaffee. Fährkapitän Andreas Waibel geht auf die Brücke der „Spiekeroog IV“, nimmt einen Schluck und schaut hinaus aufs Wasser. Die Nordsee liegt unter dem Winterhimmel wie gehämmertes Blei. Es ist windstill, keine Welle kräuselt sich, die Möwen hocken wie festgeklebt nebeneinander auf dem Pier, offenbar haben sie keine Lust auf einen Ausflug. Spiekeroog am Horizont ist ein breiter Strich im Wasser. Das wird eine ruhige Überfahrt, meint Waibel.

Fährkapitän Spiekeroog
Fährkapitän Spiekeroog
Fährkapitän Spiekeroog
Fährkapitän Spiekeroog

Sind die Touren manchmal nicht so ruhig?

Kommt drauf an. Als Kapitän muss man schon auf Wind und Wetter achten, bevor man ausläuft. Wenn man da rausschaut, sieht das zwar nach viel Wasser aus – aber da kann man zu Fuß rüberlaufen. So flach ist das.

Und warum muss man dann auf Wind und Wetter achten?

Weil es nur eine Fahrrinne gibt. Da vorne, an den Dalben, an den Pfählen im Wasser, da verläuft die. Zehn Meter rechts und links davon kann man stehen.

Aha! Das heißt: Ein Fährkapitän zwischen dem Festland und Spiekeroog muss gar nicht so sehr auf hohe Wellen achten, sondern eher darauf, dass er immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel hat?

Genau. Das ist unsere Hauptaufgabe. Wir fahren ja tidenabhängig. Deswegen ist unser Fahrplan auch immer unterschiedlich, wir haben keine minutengenauen Abfahrtszeiten. Die hängen immer von Ebbe und Flut ab. An so einem Tag wie heute ist die Überfahrt völlig problemlos. Aber wenn Sturm ist, Windstärke 10 oder 11, das ist dann schon ne Herausforderung, die Fähre in der Fahrtrinne zu halten. Manchmal ist auch generell zu wenig Wasser da.

Was? Zu wenig Wasser – im Meer?

Ja, das kann schon vorkommen. Nach mehreren Tagen mit starkem Südostwind zum Beispiel. Der drückt das Wasser raus in die offene Nordsee. Da haben wir hier schon mal einen Meter weniger als normal. Die Fähre hat zwar nur nen Tiefgang von pi mal Daumen 1.50 Meter – die brauchen wir dann aber schon. Plus die berühmte Handbreit Wasser unterm Kiel.

Sind Sie schon mal auf Grund gelaufen?

Ja, hab ich mal erlebt, vor ein paar Jahren, als Steuermann. Ist ja weiter nicht schlimm, man muss dann einfach nur warten, das Wasser kommt ja wieder. Wir haben dann die Brücke hier für alle geöffnet, damit die Leute sich das mal alles in Ruhe anschauen konnten. Und am Kiosk gab es alles umsonst. Zum Schluss war alles weg! Ein paar Insulaner waren an Bord, die haben Grog getrunken. Von denen ist kaum einer nüchtern von Bord gegangen. Und alle anderen Gäste hatten zuhause auch was zu erzählen.

Unten am Anleger werden jetzt die Waren für Spiekeroog verladen. Alles, was die Hotels und Restaurants benötigen, bringen Andreas Waibel und seine Kollegen mit der Frachtfähre hinüber auf die Insel. Auch eine ganze Reihe Tagesgäste wollen mit. Spiekeroog sei eine gute Wahl, wenn man sich mal für ein paar Stunden eine Nordseeinsel anschauen wolle, meint Kapitän Waibel – man müsse bloß über den Deich und sei gleich im Ort.

Fahren die Insulaner eigentlich oft zum Festland? Oder bleiben die lieber auf ihrer Insel?

Die fahren oft mit mir rüber. Zum Einkaufen oder auf den Wochenmarkt oder zu Arztterminen. Viele haben ein Auto hier geparkt. Da vorne ist aber auch die Bushaltestelle, von dort kommt man dann leicht weg. Die Busse haben ihre Verbindungen mit unseren Überfahrtszeiten synchronisiert, da muss man nie lange warten. Handwerker fahren natürlich auch hin und her.

Die Post kommt dann ja wahrscheinlich auch mit der Fähre, oder?

Klar. Und Pakete. Vor allem Pakete. Vor allem Pakete von bekannten Online-Warenhäusern. Das hat in letzter Zeit immens zugenommen. Bringen wir alles auf die Insel. Und die Retouren kommen dann wieder mit uns aufs Festland.

War die Seefahrt eigentlich schon ein Kindheitstraum?

Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass ich als kleiner Junge Tischler auf einem Schiff werden wollte. Ich kann mich da nicht mehr dran erinnern, aber das wird wohl so gewesen sein. Stattdessen bin ich nach der Schule erst mal vier Jahre zur Marine. Und anschließend als Kadett und später als Erster Offizier auf große Fahrt. Auf Frachtschiffen. Ich hab alle Kontinente gesehen. Bis auf die Antarktis. Da müsste man sich aber auch ziemlich verfahren, um dort hinzukommen.

Und wie sind Sie auf die Brücke der „Spiekeroog IV“ gelandet?

Durch meine Frau. Also: gewissermaßen. Die ist Filipina, wir kennen uns schon ein paar Jahre und haben vor ein paar Wochen geheiratet. Jetzt zieht sie zu mir nach Deutschland. Da kann ich natürlich nicht sagen: Willkommen an der Nordsee – ich bin jetzt erstmal auf den Weltmeeren unterwegs. Da ist der Job hier ideal. Meine längste Fahrt dauert hin und zurück nur gut drei Stunden. Und da ist das Be- und Entladen schon dabei.

Fähre Spiekeroog