Die Leuchtturmwärter von Wremen kümmern sich um die Geschichte – und um Brautpaare

Ein kleiner Preuße an der Wesermündung

Henning Siats steht in zehn Metern Höhe auf der Galerie des Kleinen Preußen und schaut hinaus auf das Weserfahrwasser vor der Wurster Küste. Der Wind bläst ordentlich um den Leuchtturm herum, die Wellen nagen am Kai nebenan, ein voll beladener Krabbenkutter ackert sich zurück in den Hafen. Tja, sagt der Vorsitzende des Wremer Heimatkreises zur Begrüßung, die erste Frage kenne er ja schon.

Leuchtturmwärter
Leuchtturmwärter auf dem Leuchtturm Kleiner Preusse
Leuchtturmwärter vor dem Leuchtturm Kleiner Preusse
Leuchtturmwärter

Aha? Und wie lautet Ihre Antwort auf die erste, noch überhaupt nicht gestellte Frage?

Der Kleine Preuße heißt so, weil sein einziger Leuchtturmwärter ein kleiner Preuße war.

Das wollte ich Sie tatsächlich als erstes fragen!

Wusste ich doch. Machen alle so. Willy Roes hieß der Mann. War keinen Meter fünfzig groß, deswegen haben die Leute im Ort ihn Lüttje Willy genannt. Er selbst hat sich gerne als kleinen Preußen bezeichnet. War ein glühender Verehrer des Kaisers.

Und der Kleine Preuße hat wie wir hier oben auf der Galerie gestanden?

Nicht auf der hier. Das hier ist nämlich nicht der Originalleuchtturm von damals, sondern ein Nachbau. Den alten haben sie schon vor fast hundert Jahren demontiert.

75 Jahre lang war die Küste anschließend leuchtturmlos. Dann hat der Wremer Heimatkreis dafür gesorgt, dass hier ein originalgetreuer Nachbau errichtet wird, zehn Meter hoch, neun Tonnen schwer. Seitdem kümmern sich zehn ehrenamtliche Leuchtturmwärter um den Kleinen Preußen. Fahren regelmäßig hinaus, schließen auf, beantworten Fragen von Besuchern und erzählen die Geschichte vom Lüttje Willy, ihrem hauptberuflichen Vorgänger.

Wieso denn das?

Als man den Leuchtturm 1907 in Betrieb genommen hat, war der sehr wichtig für die Schifffahrt. Der hat die Kapitäne mit seinem Leuchtfeuer damals sicher in die Wesermündung gelotst, die Fahrrinne hat sich durch Ebbe und Flut ja permanent verändert. Aber die wurde 1930 verlegt, da brauchte man den Leuchtturm nicht mehr.

Henning Siats hat gerade schon einiges berichtet ... Sie leisten ja ganz schön viel ehrenamtliche Arbeit.

Alles halb so wild. Hat er auch von den Bräuten erzählt? Um die kümmern wir uns nämlich auch. Wir sorgen dafür, dass die mit ihren Kleidern sicher die 28 Stufen unserer Wendeltreppe hinaufkommen. Und wieder hinunter.

Bräute?

Und Bräutigame. Allein heute Vormittag hatten wir schon zwei Trauungen. Der Kleine Preuße ist ja offizielle Standesamt-Außenstelle.

Im Leuchtturm wird geheiratet?

Aber ja! Über 1200 Paare haben sich hier schon getraut. Bei Wind und Wetter! Wir hatten schon welche, die mussten in Gummistiefeln durchs Wasser zum Turm laufen. Das ist schon ein besonderer Ort. Man schwebt hier draußen ja gewissermaßen über den Dingen, das gefällt vielen.

Das kann ich mir gut vorstellen!

Die Leute kommen aus ganz Deutschland. Aus der Schweiz. Aus Skandinavien, von überall her. Und viele schauen Jahre später nochmal vorbei und zeigen ihren Kindern, wo Mama und Papa geheiratet haben.

Das ist für die Leuchtturmwärter doch wahrscheinlich ein schönes Gefühl ...

Ganz bestimmt. Das ist wie ein kleines Dankeschön für unsere Arbeit. Das lässt einen nicht kalt. Früher hat der Turm Schiffe sicher in den Fluss geleitet, heute bringt er Paare in den Hafen der Ehe.

Sind die Leuchtturmwärter eigentlich alles Wremer?

Nee. Als wir die Posten besetzen wollen, hat der Heimatkreis eine Zeitungsanzeige geschaltet: „Leuchtturmwärter gesucht!“ Da haben sich über hundert Interessierte gemeldet, eine Bewerbung kam sogar aus Australien! Zusammengestellt haben wir das Team dann gemeinsam. Ein Kollege ist übrigens ein regelmäßiger Feriengast, der kommt aus der Nähe von Heidelberg. Dem gefällt die Arbeit im Kleinen Preußen so gut, dass er sich an jedem Urlaubstag auf den Dienstplan setzen lässt.

Kleiner Preuße Wurster Nordseeküste